
frei nach dürkheim, die bisher geführte diskussion um geldverprasserei, zuwenig sex, zu falsche drogen, zu viele schals, bushido’s brust, scheissende katzen, mürbe- oder sauerteig ignorierend, hier ein subjektiver eindruck des shift festivals vom samstag abend.
war erst mal überrascht von der grösse des konzert-zeltes, welches als solches erst dann zu erkennen war, wenn man sich trunken an die wand lehnen wollte und diese klugerweise nachgab. Weder von aussen noch von innen kam auch nur im entferntesten so etwas wie zeltstimmung auf, man fühlte sich wie in einem konzertsaal von der grösse des rossstalls, einfach sehr viel höher. dass alles schwarz war, hat diesen eindruck massgeblich geprägt. black is the new black.
über dem haupteingang war das laser-tag system vom graffitti research lab aufgebaut, und es wurde die ganze nacht munter auf die riesige, gegenüberliegende fabrikhallenwand gebombt. War nicht ganz sicher ob irgendwann auch mal „open decks“ angesagt waren, jedenfalls habe ich vergeblich darauf gewartet auch mal von einem riesigen penis, der unreflektierten verteufelung einer beliebigen institution oder irgendwelchen sich mir erst beim zweiten blick erschliessenden nerd-sauereien angeleuchtet zu werden. style war wohl prämisse und kreative freiheit jenseits von tag-symbolik wurde entweder passiv unterdrückt oder es ist der unwahrscheinliche fall eingetreten, dass junge männer bei der möglichkeit eine 30m X 30m grosse, nur kurz zu sehende botschaft zu kreieren, NICHT an schwänze und/oder „fuck irgendwas“ gedacht haben. Vielleicht hab ich’s auch einfach verpasst. d’oh.
sehr überzeugt hat mich das vorzügliche kantinen-essen, sei es kaninchen an rotwein-sosse oder ein simples schinken-sandwich. es gibt halt zeiten, da nimmt man solche gutbürgerlichen angebote gerne war.
auch die mitarbeiter schienen mit freude bei der sache zu sein, trotz zeitweiliger überfüllung und stilgerechter verqualmung des restaurants.
aus zeitgründen habe ich mich mit den ausstellungen nicht allzu intensiv befasst, fand aber die telefonkabinen-anrufstation und das lärmlabor, in welchem man einen simplen noise-generator basteln konnte, ziemlich cool. beide wurden auch rege genutzt. nächstes mal nutze ich meinen vip-pass und hör mir diverse panels und diskussionen an.
kommen wir zum, in den meisten fällen durchaus auch musikalischen, rahmenprogramm. von glitch electronica (stuchka vkarmanye aus jerusalem, dessen name ich dreimal falsch und, vodka sei dank, mich peinlich verhaspelnd über den äther gesandt habe), über treibendes minimal-gestampfe (die krankenpfleger), zu elegischem ambient techno (monzur, sehr schön), seltsamem „diverse-prozessoren-auf ketamin-haben-intensiven-slow-sex“-gebrumme (irgendeine der audiovisuellen experimental-performances im konzertsaal, die beim zukucken sicherlich sinn machen) bis zu visuell verarbeiteten hiphop-, breakbeat-, funk- und jungle-mashups (coldcut, who else), bouncendem minimaltechno hoher qualität (sutekh) und schliesslich standesgemässem clubrave aktueller prägung (jennifer cardini), wurde alles geboten.
coldcut spielten, scratchten und visualisierten ihre erwarteten hits zwischen alt (paid in full rmx, samt ofra haza in der wüste) und neu (walk a mile in my shoes, samt robert owens in pathetischer pose), angetrieben von einem MC mit ?uestlove-frisur. gegen schluss rumpelten auch noch dicke drumandbass-beats marke pendulum durch den raum und die masse tobte. die soundanlage vermochte die wucht der dichten, zt teil organisiert chaotischen klangcollagen leider nur bis etwa in die hälfte des raums tragen, aber dank lärmschutverordnung und polizei-besuch bereits am donnerstag, konnten die veranstalter wohl wenig dafür.
coldcut-mastermind matt black war jedenfalls restlos begeistert, da er eigentlich eher ein zurückhaltendes, vorwiegend männliches nano-frickler-glitchcore-pizza-pickel-publikum erwartet hatte, welches masturbierend koreanische programm-codes und israelische hacker-ideologie austauschen würde. die sich in ausgeglichenem gender-verhältnis eingefundene meute, die zu „jump around“ die gläser von der bar runterrumpelte, hat ihn und den rest der crew sichtlich erfreut.
im vorhergehenden interview zeigte er sich sehr gesprächig und erläuterte die coldcut-ideologie von künstlerischer demokratisierung durch erschwingbare studiotechnik, bis zur jetzigen und zukünftigen verantwortung der kunst, globale themen anzusprechen und zu vermitteln. Ein äusserst eloquenter kauz mit bart, brille und inka-schal, ein bisschen wie man sich john lennon um die 50 vorstellen mag, ohne yoko, aber mit einem laptop. er schlich den rest der nacht überall herum, kuckte sich zwischen wilden verschandelungs-attacken des backstage-raums alles an und hatte sichtlich spass an der ganzen sache.
s-biene schaffte anschliessend das kunststück, den wilden pogo-vibe von coldcut zu dämpfen und das publikum mit melodiösem, teibend-sanftem minimal-techno zu halten und in eine fliessende club-stimmung zu bringen. Das beste set, das ich von der lady bisher gehört habe.
suthek hüpfte nachher hinter seinem laptop hin und her und verdeutlichte wieder mal die unsexyheit eines solo laptop-live-acts, es sei denn, man heisst reinhard voigt. super sound, aber so eine „ich und mein notebook“-performance wirkt auf einer bühne einfach verloren, wenn man nicht die persönlichkeit hat, das ganze mit einer unpeinlichen und trotzdem auffallenden show zu untermalen.
jennifer cardini hatte derweil ihr serato-system installiert und verbrachte die erste halbe stunde ihres sets damit, sich über springende tonsysteme und den ungefederten aufbau des dj-pults auf der bühne zu beschweren. einerseits un peu divenhaft, andererseits ists schon etwas ärgerlich wenn bei so einem riesenanlass genau die kleinen aber folgenschweren dinge nicht klappen. trotz den dadurch etwas gestrafften und zt halt in die hose gehenden übergängen, hat sie voll überzeugt und ist ihrem ruf, bekannten platten durch ihre selection eine spezielle note zu geben, gerecht geworden. sie pendelte gekonnt zwischen oldskool-perlen, minus-stampfern und elegantem minimalhouse und hatte mit zunehmendem verlauf auch mehr und mehr spass..
höhepunkt des abends war eindeutig das publikum. gerade bei jennifer cardini’s clubsound wurde deutlich, wie angenehm es ist, mal nicht das übliche partyvolk, sondern halbwegs lebendige, gut gelaunte leute um sich zu haben, die zwar auch heftig feierten, aber den anschein machten, als hätten sie während der letzten jahre auch mal das eine oder andere wochende ohne kater verbracht.
aus meiner sicht e
in erfolgreicher start für eine neue festivalreihe, die mit ihrem diesjährigen motto „access“ auf jeden fall einmal dies erreicht hat: nicht-nerds bekamen einen einblick in innovative experimentalfelder und nerds bekamen zugang zu jener welt in der ihre geschaffenen werke zwar anwendung finden, die sie selbst aber oft meiden: dem dancefloor, der bühne und der öffentlichen meinung. soweit jedenfalls eine persönliche, unreflektiert geäusserte re-interpretation des mottos.
inwiefern jetzt neue, für die moderne welt gültige und anwendbare „access“-portale und möglichkeiten vorgestellt und diskutiert wurden, kann ich schlecht beurteilen, da ich leider zuwenig von der shift gesehen und gehört habe. wobei natürlich gerade dies die prägenden aspekte der shift sind, und nicht das aus intellektueller sicht vergleichweise banale abfeiern zu lauter musik mit rhythmusvorgabe. asche auf mein haupt für den in diesem sinne unvollständigen bericht.
die neugier auf die nächste ausgabe der shift ist bei mir jedenfalls geweckt.